Warum Seele und Natur sich einander bedingen.

…die Einführung in die naturbasierende Seelenarbeit.
Die wirksamsten Wege zur Seele sind naturbasierend! Die Natur – die äußere Natur nennen wir „die Wildnis” – ist schon immer das wesentliche Element und der wichtigste Schauplatz der Reise zur Seele gewesen. Schließlich ist die Seele unsere innere Wildnis, jenes innerpsychische Gebiet, das wir am wenigsten kennen und das die meisten unserer persönlichen Geheimnisse bewahrt. Wenn wir uns wirklich in die äußere Wildnis begeben und uns dabei für ihre rätselhaften und unbezähmbaren Kräfte öffnen, antwortet die Seele mit ihrem eigenen Ruf des Verlangens.
Diese Leidenschaften können uns zunächst verängstigen, denn sie drohen, die sorgfältig aufeinandergesetzte Apfelpyramide unseres herkömmlichen Lebens gründlich durcheinanderzubringen. Vielleicht betrachten viele Menschen ihre Seele deshalb auf dieselbe Weise wie Wüsten, Dschungel, Ozeane, wilde Berge und dunkle Wälder – nämlich als gefährlichen und bedrohlichen Ort. Unsere Gesellschaft errichtet ständig Schranken zwischen ihren Bürgern und der inneren bzw. äußeren Wildnis. In der äußeren Welt haben wir unsere klimatisierten Häuser und Autos, umfriedete Gemeinden und Einkaufshallen, Zäune und Beamte zur Überwachung von Wildtieren, Staudämme und virtuelle Realitäten. In der inneren Welt erreichen wir dieselbe Wirkung mit den so oft verschriebenen „Stimmungsaufhellern”, mit Alkohol und Straßendrogen, mit Konsumorientierung und Dutzenden weiterer, die Seele betäubender Abhängigkeiten, mit Fundamentalismus, Transzendentalismus und anderen Formen der Flucht, mit starren Glaubenssystemen bezüglich „gut” und „böse” und mit Lehren, die besagen, daß Gott oder irgend eine andere elterliche Figur über uns wacht und unser empfindliches Leben beschützt. Doch wenn es uns gelingt, dem Leben innerhalb dieser künstlichen Schranken zu entfliehen entdecken wir etwas Erstaunliches:
 
Natur und Seele hängen nicht voneinander ab, sondern sehnen sich nacheinander und sind im Endeffekt von derselben Substanz – wie Zwillinge oder Bäume, die dieselben Wurzeln teilen.
 
Die individuelle Seele ist das Herz der menschlichen Natur, der Grund, aus dem wir geboren wurden und die Essenz unseres ganz persönlichen Lebenszwecks. Doch stellt unsere wahre Natur für unseren Alltagsverstand zunächst ein Geheimnis dar. Um unsere innersten Geheimnisse zu enthüllen, müssen wir uns in die innere bzw. äußere Wildnis wagen, wo unsere Natur auf uns wartet. Der Kulturhistoriker und Religionsgelehrte Thomas Berry erinnert uns daran, daß das Wort Natur vom lateinischen natus, „geboren werden”, stammt, und daß die Natur jedes Dinges „mit dem dynamischen Prinzip zu tun hat, das eine Sache zusammenhält und ihr ihre Identität gibt.’

Die Natur fördert die Selbstverwirklichung deshalb so sehr,

weil sie selbst völlig verwirklicht ist.

 
Warren Moon
 
Die menschliche Seele funktioniert ebenso: Sie hält unsere Individualität zusammen und gibt uns unsere Identität. Seele und Natur sind zwei nur wenig unterschiedliche Arten, über das Wesen einer Sache zu sprechen, sei es ein Stein, eine Blüte oder eine Person. Die Seele einer Blüte ist ihre wesentliche Natur.
 
Auch unsere menschliche Seele besteht aus diesen natürlichsten Anteilen, aus diesen Elementen, die aus der Natur sind – von der Natur selbst geborene Aspekte des Selbst. Die Natur braucht uns, um unsere Seelen zu verkörpern. Die Welt kann nicht vollständig zum Ausdruck kommen, solange nicht jeder einzelne von uns sich selbst gänzlich ausdrückt; eine verminderte menschliche Seele bedeute eine Minderung der Natur. Und ebenso, wie sich die Natur nach der Verkörperung unserer Seele sehnt, verlangt es unsere Seele nach einer Welt, in der sich die Natur vollständig und auf verschiedenartigste Weise verkörpern kann.
 
Wenn wir schließlich in unsere eigenen Tiefen blicken, sehen wir dort denselben Zauber und dieselbe lebendige Kraft, die wir in der ungestörten Natur finden. Und wenn wir uns auf unserer Reise weit genug von der Routine unseres zivilisierten Lebens entfernen – sei dies räumlich oder kulturell, einfach weit genug in die Wildnis hinein – entdecken wir, wie die wesentlichen Eigenschaften unseres tiefsten Selbst auf uns zurückgespiegelt werden.
 
(Auszug aus dem Buch „Soulcraft“ von Bill Plotkin)
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